Sage

Sage

Schon einige Zeit ist es her, als die Bewohner des Siebengebirges dem auf dem Drachenfels hausenden Drachen täglich ein Menschenopfer bringen mussten, um diesen zu besänftigen.

Diesem Treiben konnte und wollte ein kühner, mutiger Mann nicht länger tatenlos zusehen. Nach langem Sinnieren erinnerte er sich an einen Trank, den sein Großvater früher, als er noch lebte, hergestellt hatte. Er war damals noch ein kleiner Junge gewesen und er hatte seinen Großvater öfters bei der Zubereitung zugeschaut. Sein Großvater war immer voller Elan gewesen, während er diesen Trank „braute“, wie er es nannte. Dabei schwärmte er immerzu von diesem Trank und erzählte viele Wunderdinge darüber. Im Gedächtnis geblieben war ihm vor allem, dass dieser Trank die Menschen so stark und mutig machte, dass mit seiner Hilfe Weltwunder wie die Pyramiden entstehen konnten. Konnte er vielleicht mit Hilfe dieses Trankes den Drachen besiegen?

Bei seinem Tod hatte der Großvater ihm nichts vermacht, bis auf die folgenden Zeilen:

Mein lieber Enkel,

vielleicht erinnerst du Dich noch, wie wir diesen wundersamen Trank gemeinsam in den Gewölben unseres Kellers gebraut haben. Damals warst du mein Brauzeuge und ich bin mir sicher, dass Du mit Hilfe der folgenden Beschreibung einen ebenso guten Trank brauen kannst wie wir es getan haben. Sobald du ein junger Mann bist, nimm Gerstenmalz und Hopfen – schrote den Malz und vermische ihn mit Wasser – erwärme das Gemisch langsam, so dass es nicht koche – trenne das Flüssige von dem Geschroteten – koche das übrig gebliebene Flüssige und füge Hopfen bei – lasse die gekochte Flüssigkeit einige Tage an der frischen Luft stehen und bete zu Gott, dass er den Trunk vollendet – würzig, etwas bitter und leicht prickelnd soll er schmecken, dann ist es vollbracht.

Dein Opa

Diese Zeilen erschienen ihm etwas kryptisch und so recht glauben konnte er an die Geschichten seines Großvaters auch nicht. Trotzdem, einen Versuch war es zu Ehren seines Großvaters allemal wert. Was hatte er zu verlieren?

Die Zutaten waren schnell beschafft und als er unten in den Keller ging, konnte er sich Stück für Stück immer mehr daran zurückerinnern, wie der Großvater diesen Trank gebraut hatte. Die alten Kessel waren immer noch am selben Platz wie damals und jetzt, wo er die Zeilen wiederholt laut vor sich hinsagte, kam es ihm vor, als ob er noch gestern mit seinem Großvater hier gewesen wäre. Ein behagliches und zugleich euphorisches Gefühl umgab ihn und er begann zu brauen. Er ging Schritt für Schritt vor und am Ende kam die wohlschmeckende süße Flüssigkeit dabei heraus, die er damals, als Kind, immer so gerne probiert hatte. Er war auf dem richtigen Wege. Nun war nur noch Gottes Hilfe gefragt. Hierzu hatte sein Großvater die Flüssigkeit – die Würze, wie Großvater sie nannte – in einen großen Bottich umgefüllt und oben auf dem Dach an die Höchste Stelle gestellt. Er war fest davon überzeugt, dass er auf diese Weise Gott etwas unterstützte und der Trank besonders bekömmlich und wirkungsvoll wurde. Jetzt tat es der Brauzeuge ihm nach. Jeden Tag stieg er aufs Dach, um nachzusehen, ob sich schon die kleinen Kräuseln gebildet hatten, die er damals immer beobachten konnte. Dies würde das Zeichen sein, das Gott sich des Trankes angenommen hätte. Und tatsächlich, am vierten Tag war es endlich soweit und nach weiteren 5 Tagen war das Werk vollbracht. Der Schaum auf der Oberfläche der Würze war verschwunden. Er kostete voller Neugier – er spürte ein leichtes prickeln auf der Zunge. Es schmeckte leicht bitter und angenehm würzig.

Ungeduldig trank er den Rest des Glases in einem Zug aus. Jetzt konnte er nachvollziehen wovon sein Großvater immer erzählt hatte. Der Trank hatte seinen Mut verdoppelt und er verlieh ihm ein unbekanntes Gefühl von Stärke und Unbesiegbarkeit. Gleichzeitig fühlte er sich etwas benebelt und sehr zufrieden. Genau in diesem Moment wusste er, wie er den Drachen besiegen konnte. Er füllte eilig einige Flaschen mit dem wundersamen Trank und machte sich auf den Weg.

Am Drachenfels angekommen, lauschte er einige Zeit lang aufmerksam, denn man sagte, dass der Drache niemals schlief. Aber war dem wirklich so? Vielleicht hatte er Glück und der Drache ruhte sich wenigstens aus, sodass er seinen Plan umsetzen konnte. Dann pirschte er sich langsam an und wagte es dabei kaum zu atmen. In dem Moment, als er den Drachen durch einen Felsspalt erblickte, geschah es: Er war auf einen kleinen Ast getreten und ein leises Knacken war zu vernehmen. Hoffentlich hatte der Drache es nicht gehört! Doch schon im nächsten Augenblick hörte er schon ein lautes Schnauben. Der Drache hatte sich erhoben und kam direkt auf ihn zu. Nach einer kurzen Schrecksekunde drehte sich der Brauzeuge um und trat die Flucht an. Dabei zertrümmerte er die Flaschen an einem Felsvorsprung. Er floh weiter und weiter, bis er bemerkte, dass er hinter sich nichts mehr vernahm. Er versteckte sich und wartete ab. Die Minuten verstrichen und er wurde neugierig. Sein Vorhaben, auch wenn nicht zunächst auf diese Weise geplant war, hatte womöglich doch funktioniert. Er ging langsam zurück und als er den Felsvorsprung erblickte, machte sich ein zufriedenes Lächeln in seinem Gesicht breit. Der Drache saß just an dem Felsvorsprung, an dem die Flaschen zerschellt waren, in der Abendsonne und wirkte ruhig und zufrieden.

Von diesem Tag an braute der Brauzeuge den wundersamen Trank und kam jeden Tag kurz vor Sonnenuntergang zum Drachenfels mit einer Flasche des wundersamen Trankes, um den Drachen ruhig und zufrieden zu stimmen. Fortan musste kein Bewohner des Siebengebirges mehr geopfert werden.